Der Turm zu Babel war bekanntlich kein Erfolgsmodell, weil sich die Bewohner mit der Zeit nicht mehr verstehen konnten. In dem Teil Europas, wo einst die Sprache von Goethe und Schiller herrschte, sind wir auf dem besten Weg dazu. Dies einerseits wegen der Einfuhr englischer Ausdrücke aus dem Land der zunehmend begrenzten Möglichkeiten und unbegrenzten Probleme sowie eigenen – meistens dümmlichen – Wortschöpfungen. Immer häufiger muss man erraten, was wohl gemeint sein soll.
Warum die Eidg. Münzstätte in „Swissmint” umgetauft werden musste, ist für mich nicht nachvollziehbar. Bei „Swissmem” (MEM = Mitglied einer ethnischen Minderheit) denkt man eher an Schweizer Zigeuner als an den Verband der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie. Zuerst glaubte ich, die Zigeuner würden „Fahrende” genannt. So verwirrte mich der Ausdruck „Velofahrende”, bis ich herausfand, dass dies eine Erfindung von Gleichstellungsbüros ist. Velos gibt es allerdings nicht mehr, sondern „Bikes”. Die Züge fahren nicht mehr in den Bahnhof, sondern in die „Rail-City”. „1to1energy” ist die alte BKW mit andern Elektrizitätsfirmen. Darauf muss man schon kommen. Die Säuglinge heissen „Babys” und werden später zu „Kids”. Grössere, die auf der Strasse „gefoodet” haben und die Verpackung liegenlassen, verschmutzen nicht den Platz, sondern sie betreiben „Littering”. Es werden nicht mehr Freiwillige für Freiluftanlässe gesucht, sondern „Volunteers” für „Openair events”
Swisscoy bedeutet gemäss Wörterbuch so etwas wie „schüchterne Schweizer”. Das kann wohl nicht gemeint sein. Es muss eine Abkürzung für Swiss Cowboys sein. Dies würde sich mit der Aussage in einem neueren Leserbrief decken, wo ein ehemaliger Swisscoy-Angehöriger schrieb, er habe noch nie soviel verdient mit Nichtstun, wie bei der Swisscoy. Verständlich, wenn man den Cowboys keine Pferde mitgibt.
In unserem nördlichen Nachbarland ist es allerdings nicht besser. Hier ein Beispiel aus dem Rederprotokoll der Hauptversammlung der Volkswagen AG vom 3. Mai 2006 in Hamburg – der Beitrag von Dr. Teunis.
Zitate: Vor einigen Monaten habe ich einen Passat bestellt und dabei erfahren, dass man fundierte Englischkenntnisse braucht, um alles zu verstehen was angeboten wird. Bei der Ausstattung kann man wählen zwischen Trendline, Highline sowie Sportline und Comfortline. Bei den Motoren gibt es unter anderem TDI und FSI. Was „FSI” bedeutet, weiss der Berater nicht so genau; es heisse wohl „Full Selected Injection” oder so. In Wirklichkeit heisst es natürlich „Fuel Stratified Injection”.
Weiterhin gibt es den FSI 4MOTION. Auf meine Frage nach der Bedeutung von „4MOTION” lautet die Antwort: „Das ist doch klar – unser Allradantrieb.” Der Berater weiss nicht, dass die korrekte Übersetzung für Allradantrieb „Four wheel drive” ist. „4MOTION” ist eine grammatikalische Unmöglichkeit und stellt eine böse Verstümmelung der englischen Sprache dar. Denn „Motion” für Bewegung kann morphosyntaktisch nicht mir einer Zahl kombiniert werden. Im Englischen ist das genauso unmöglich, wie es „4Bewegung” im Deutschen wäre.
Bei den Farben ist es so bunt, dass es mir wegen der vielen englischen Qualifizierungen einfach zu bunt wird. Ich darf wählen zwischen Candy-Weiss, Granite Green, Arctic Blue Silver, Wheat Beige, Shadow Blue, United Silver usw. Gibt es denn wirklich keine treffenden deutschen Namen für unser deutsches Produkt?
Darüber bietet die Volkswagen Individual GmbH ein individuelles Designpaket aus Sensitive-Leder in Snow Beige und Türinserts in zeitlosem Design.
Und dann zum Entertainment: Ich darf Multimedia-Kid, PhatBox und Rear-Seat-Entertainment-Geräte bestellen. (…)
Nun fahre ich ihn, den Passat, und muss mich zurechtfinden mit Bezeichnungen wie TIM für Traffic Information System, TCM für Traffic Message Channel, EPC für Electronic Power Control, ACC für Adaptive Cruise Control, mit MUTE, DEST, NAV, MAP, Scan und Autostore, mit Autohold, Reset, SPEED, CANCEL, mit KESSY für Keyless Entry Start Exit System. Es ist ein Graus, meine Damen und Herren. Es gibt nicht nur die unverständlichen Abkürzungen, sondern unter dem Navigationssystem prangt ein Satz: „PASSENGER AIR BAG OFF”. Zu Deutsch, frei übersetzt: „Passagier Luft Sack aus”. (…)
Nach der Übergabe des Fahrzeugs war für mich früher der Kundendienst zuständig. Nun ist er umbenannt worden in After Sales Service. Dies ist absolut nicht einzusehen. Das ist nicht nur rücksichtslos, sondern es erscheint mir auch verkaufsstrategisch gesehen dumm, so mit deutscher Kundschaft umzugehen. (…)
Herr Dr. Bernhard, auch Ihre Mitarbeiter in der Produktion verstehen nur unzulänglich Englisch. Sie haben trotzdem vier „Product Units”, abgekürzt „PUs” für vier selbständig wirtschaftende Einheiten eingeführt. Es sind dies die PU A-Klasse, die PU Presswerk, die PU Trim und die PU Fahrsysteme – ein schönes Mischmasch aus Deutsch und Englisch. Gemeint sind aber offensichtlich gar nicht „Product Units” sondern „Production Units”. Abgesehen von diesem Fehler empfehle ich, die jetzt von Ihnen eingeführte Bezeichnung „Product Unit” wieder zurückzunehmen. Die bisher gebräuchliche „Fertigung” kann genauso wirtschaftlich arbeiten wie ein „Product Unit”. (…)
Und nun zu meinem Vorschlag: Herr Dr. Pischetsrieder: „Sie haben vor gut einem Jahr einen neuen Namen für unseren deutschen Volkswagen Konzern gesucht, um eine Abgrenzung zu Volkswagen Aktiengesellschaft zu erreichen. Ich habe auf der letzten Hauptversammlung „People’s Wagon Group” vorgeschlagen. Dieser Vorschlag wurde abgelehnt.”
Dr. Pischetsrieder:” Das müsste doch ganz in Ihrem Sinne gewesen sein, Herr Teunis!”
Dr.Teunis:” Ich versuche es heute mit einem andern Vorschlag. Falls Sie eine englische Bezeichnung für unseren Betriebsrat suchen sollten, ich habe ein Angebot: ”Work Council” mit der Abkürzung „WC”. Falls der Vorschlag angenommen wird, kann der Worker an der Finishline künftig während oder nach seiner Shift zu seinem vertrauten „WC” gehen.“ (…)
Ende der Zitate aus dem Redeprotokoll der VW AG-Hauptversammlung 2006.
Nachdem wir nun beim Thema WC angelangt sind, fällt mir ein, dass wir in der Schweiz (oder Swiss) bei der Sprachmodernisierung den Horizont auch auf bisher vernachlässigte Gegenden erweitern und die Alphütten-WC’s (Brett mit Loch und Fallgrube) endlich auch mit einer modernen Bezeichnung versehen sollten. Ich schlage vor:
”Original Swiss falling dirt collecting system”.
Nach diesem etwas schmutzigen Abschluss verbleibe ich mit einem herzlichen
Auf Wiedersehen oder „Of again see”
Otto Reber




23:30 am 4. Mai 2008 | Antworten 1
Dieser Artikel findet volle zustimmung von mir.
Nur wollte ich mal Material suchen, genauer gesagt ein Flugblatt. Da musste ich auf der FPS-Seite unter der Kategorie “Downloads” in den Ordner “Flyers”. Dieser ist im übrigen im Archiv “Home” abgelegt. Um diesen Kommentar zu schreiben musste ich mich “einloggen” und für dies musste ich meine “E-Mails”(Was ja nach Duden korrekt deutsch ist) überprüfen.
21:15 am 5. Mai 2008 | Antworten 2
Hi Saivy,
man muss aber bei Fremdwörtern auch ein wenig unterschieden:
es gibt solche für Dinge oder Gegenstände, welche seit ihrer Erfindung so heissen und dann gibt es auch noch solche für Dinge die früher in normalem Deutsch oder zumindest eingedeutscht waren.
Bei der ersten Kategorie finde ich das Verwenden von deutschen Begriffen sehr verwirrend, da aus einem E-Mail schnell ein E-Brief (?) wird und aus dem Internet das Zwischennetz. Versteht kein Mensch mehr oder?
Zur zweiten kategorie gehören Ausdücke wie “challangen” (herausfordern) oder Zurich Lions oder zB. Free-TV.